[fre] Einklang in der EU? Das European Union Youth Orchestra zeigt wie

Article publié le 29 mai 2014
Article publié le 29 mai 2014

Attention cet article n'est paru dans aucun groupe du magazine et n'a donc fait l'objet d'aucune relecture.

Was für die meis­ten In­sti­tu­tio­nen der EU wie ferne Zu­kunfts­mu­sik klingt, ist für das "Eu­ro­pean Union Youth Or­ches­tra" All­tag. Seit 1976 bie­tet es be­gab­ten Nach­wuchs­mu­si­ke­rIn­nen aus allen Mit­glieds­staa­ten der EU die Mög­lich­keit, mit an­spruchs­vol­len Pro­gram­men und nam­haf­ten Pro­fis auf Tour zu gehen. Ganz ne­ben­bei zei­gen sie, wie harmonisch Eu­ro­pa sein könn­te.

Do­mi­nik aus Deutsch­land, Babis aus Grie­chen­land, Pa­trycia aus Spa­ni­en sowie Vilém und Radka aus der Tsche­chi­schen Re­pu­blik haben einen straf­fen Zeit­plan. Als Mit­glie­der des EUYO sind sie nicht zum Baden nach Grie­chen­land ge­kom­men, son­dern ab­sol­vie­ren wäh­rend ihres ein­wö­chi­gen Auf­ent­halts in Thes­sa­lo­ni­ki ein be­acht­li­ches Pro­gramm: Pro­ben, ein Kon­zert abends, zwei am nächs­ten Vor­mit­tag für Kin­der und Ju­gend­li­che sowie ein abend­li­cher Auf­tritt in einem Nacht­club. Ne­ben­bei er­klä­ren sie Grup­pen von Schü­le­rin­nen und Schü­lern, was genau sie da für In­stru­men­te haben und wie die funk­tio­nie­ren.

Eines ist ihnen allen ge­mein­sam: Sie spie­len im Eu­ro­pean Union Youth Or­ches­tra (EUYO), das aus bis zu 140 jun­gen Nach­wuchs­mu­si­ke­rIn­nen aus allen (in­zwi­schen) 28 Mit­glieds­län­dern der Eu­ro­päi­schen Union be­steht, die zwei­mal pro Jahr auf Tour gehen. In die­sem Früh­jahr ging es nach Abu Dhabi, wo keine Ge­rin­ge­ren als Vla­di­mir Ash­kena­zy am Pult und EU­YO-Alum­ni und Star­cel­list Gar­tier Ca­pu­con mit dem Or­ches­ter auf­tra­ten. Der Tour­auf­takt fand in Thes­sa­lo­ni­ki statt, wo es, neben der Musik, vor allem um Be­geg­nung ging.

Auf meine Fra­gen nach ihrer Ein­stel­lung zu Eu­ro­pa, ob dies ein Thema war, als sie für das Or­ches­ter vor­ge­spielt haben und ob sie sich als Eu­ro­pä­er füh­len oder nicht, ernte ich zu­nächst ver­wirr­te Bli­cke. „Es geht ei­gent­lich nur um die Musik“, sagt Babis, Mu­sik­leh­rer aus Athen. „Es ist ein­fach ein gutes Or­ches­ter. In Graz, wo ich stu­die­re, spie­len wir per­ma­nent mit Leu­ten aus der gan­zen Welt, also ist das für mich nor­mal“, er­gänzt Pa­trycia, Cel­lis­tin aus Ma­drid. So­viel eu­ro­päi­sche Selbst­ver­ständ­lich­keit über­rascht mich und Char­lot­te, PR-Frau sowie or­ga­ni­sa­to­ri­scher Dreh- und An­gel­punkt des Or­ches­ters, sieht mir meine Ent­täu­schung an: „Wir sagen, dass das Or­ches­ter eine Me­ta­pher dafür ist, wie die EU funk­tio­nie­ren soll­te. Es er­zeugt Har­mo­nie und zeigt das Beste aller eu­ro­päi­schen Na­tio­nen.“

"Wir sit­zen nicht herum und dis­ku­tie­ren über Po­li­tik"

Das klingt schon eher nach einer druck­rei­fen Ant­wort, wobei es nicht die theo­re­ti­sche Idee ist, die dem Or­ches­ter seine be­son­de­re Aura ver­leiht, son­dern der zwang­lo­se Um­gang der Mu­si­ke­rIn­nen un­ter­ein­an­der. Po­li­tik ist Ne­ben­sa­che. Viel­mehr set­zen sie um, was in Brüs­sel so ver­zwei­felt her­bei­ge­sehnt wird: di­rek­ter Aus­tausch, Be­geg­nun­gen und ein (pro­fes­sio­nel­les) Mit­ein­an­der. „Wir sehen viel, wenn wir auf Rei­sen sind“, sagt Kon­tra­bas­sist Do­mi­nik, der sich eher als Bayer denn als Deut­scher de­fi­nie­ren würde. „Und dabei tau­schen sie sich aus“, er­gänzt Char­lot­te. „Wir sit­zen hier nicht rum und dis­ku­tie­ren über Po­li­tik. Das würde kei­nen Sinn er­ge­ben. Aber ich be­ob­ach­te, wie sie kul­tu­rell von­ein­an­der ler­nen. Sie stel­len sich Fra­gen, z.B. über die vie­len Graf­fi­tis, die wir hier in Grie­chen­land sehen, und sie be­kom­men Ant­wor­ten. Und dann be­ginnt ein in­ter­kul­tu­rel­ler Dia­log.“

Auf Tuch­füh­lung mit Musik und Eu­ro­pa

Im Kon­zert­haus in Thes­sa­lo­ni­ki sind an die­sem Vor­mit­tag Schul­klas­sen zu Gast, die das EUYO zu einer be­son­de­ren Ver­an­stal­tung ein­ge­la­den hat. Eine Mo­dera­to­rin stellt die ein­zel­nen Na­tio­nen des Or­ches­ters vor. Fre­ne­ti­scher Ap­plaus für die grie­chi­schen Mu­si­ker, ver­ein­zel­te Buh­ru­fe für die Deut­schen. Selbst bei jun­gen Grie­chen unter 16 macht sich die Kri­sen­po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung be­merk­bar.

Dann aber spricht die Musik und löst den po­li­ti­schen All­tag in Wohl­klang auf. Ein Junge und ein Mäd­chen aus dem Pu­bli­kum wer­den auf die Bühne ge­holt und pro­bie­ren sich im Di­ri­gie­ren. Die Ak­ti­on er­fährt ihre Sym­bo­lik vor allem vor dem Hin­ter­grund, dass man in einem Land, wo die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit die 60%-Mar­ke über­schrit­ten hat, be­reits von einer ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on spricht. Nach dem Kon­zert tei­len sich die Mu­si­ker auf und prä­sen­tie­ren ein­zel­nen Schü­ler­grup­pen ihre In­stru­men­te. „Das haben die sich selbst aus­ge­dacht“, er­klärt Char­lot­te, wäh­rend die Kin­der ge­bannt auf die Gei­gen und Celli star­ren oder sich über die gro­tes­ken Töne freu­en, die man mit Blas­in­stru­men­ten er­zeu­gen kann.

Das Trom­pe­ten­kon­zert von J.N. Hum­mel in­ter­pre­tiert vom Eu­ro­pean Youth Or­ches­tra (2012). 

Das EUYO ist eine Ta­lent­schmie­de, die künst­le­ri­sche Pro­fes­sio­na­li­tät ver­bin­det mit einem Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein für Kul­tur und Ge­sell­schaft. Fern­ab der po­li­ti­schen Büh­nen in Brüs­sel, Ber­lin oder Lon­don, leben die jun­gen Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker eine Rea­li­tät, die ex­em­pla­risch steht für das, was Eu­ro­pa sein könn­te. In der In­ter­ak­ti­on un­ter­ein­an­der herr­schen keine Wi­der­sprü­che zwi­schen den di­ver­sen na­tio­na­len und re­gio­na­len Iden­ti­tä­ten und der eu­ro­päi­schen Idee. „Wenn ich in Spa­ni­en bin, fühle ich mich als Eu­ro­päe­rin und wenn ich im Aus­land bin als Spa­nie­rin“, er­klärt Cel­lis­tin Pa­trycia beim In­ter­view. Deut­lich wird dabei vor allem eines: Po­li­tik ist nicht ein­fach ein Ver­wal­tungs­akt, son­dern ent­steht erst im ge­leb­ten Mit­ein­an­der.

Die­ser Ar­ti­kel ist erst­mals am 28. April 2014 auf www.​eu­dys­see.​net er­schie­nen.